Ich hab keine Ahnung welcher Tag heute ist. Seit Stunden schon tönt Salza und kolumbianische Schnulzen aus dem Radio. Unser Fahrer fährt auf der kurvigen und holprigen Autopista Norte in Richtung Bogota. Man kann nicht sagen, dass er langsam fährt. Selbst ein Polizeiwagen mit Blaulicht wird von uns überholt. Es wird viel gebaut. Alle paar Kilometer eine Baustelle. Bagger graben ihre Schaufeln tief in die rot blutende Erde. Wir kommen von Villa de Leyva, einem alten Dorf. Einst erbaut von den Spanischen Kolonialisten, ist es bis heute ein beliebtes Wochenendausflugsziel der Bogotaner.
An langen Wochenenden herrscht in Kolumbien kein Mangel. Insgesamt 15 Feiertage hat man. Alle sind auf einen Montag gelegt. Die Tourismusbranche orientiert sich auch eher an den inländischen Touristen, Ausländer sieht man kaum. Vielleicht ändert sich das noch, wenn wir uns der Karibikregion nähern. Nur wenig erinnert daran, dass sich das Land im Krieg gegen die verbliebenen paar tausend FARC-Rebellen befindet. Bisher gab es keine Spur von Gefahr. An allen großen Kreuzungen und Straßen stehen Polizisten und Soldaten und heben zum Gruß den Daumen. Soll signalisieren, ich passe hier für dich auf und sorge für deine Sicherheit. Ein lustiges Bild. Die Autoinsassen grüßen brav mit erhobenem Daumen zurück. Einst hatte der berüchtigte Drogenbaron Pablo Escobar auf jeden Kopf eines Uniformierten eine Belohnung von einer Million Pesos ausgelobt. Ein Polizist in zivil war sogar fünf Millionen wert. Man wollte nicht tauschen.
An den Straßen stehen auch viele kleine Händler. Kaum zu glauben, dass man mit dem Verkauf einzelner Bonbons an Ampeln seinen Lebensunterhalt verdienen können soll. Tony klärt uns auf und erzählt, dass die wohlhabenden im Land mit ihren überproportionalen Steuern und Abgaben nicht nur die Armee finanzieren sondern auch die Infrastruktur subventionieren. Auch die Bewohner der einfachen Wohngegenden haben Wasser und Strom, wofür sie nur einen symbolischen Betrag zu zahlen haben. Die Lebenshaltungskosten der Armen im Lande sind deutlich niedriger als die der wohlhabenden Mittelschicht. Ich möchte es gerne glauben. Und wirklich bittere Armut habe ich bisher auch nicht zu Gesicht bekommen, was sicher nicht heißen muss, dass es sie hier nicht gibt. Anders ist es mit wohlhabenden Menschen. Leute die mit iPhones am Ohr durch die Straßen laufen und eine nicht enden wollende Kette von überholenden Porsches in Bogota wirken irgendwie – überraschend. Es scheint etwas zu passieren, in diesem Land.
Die kleinen Kolumbianer wirken freundlich und selbstbewust. Tony, vergib mir, aber die sagenumwobenen kolumbianischen Schönheiten müssen woanders leben. Es heißt, dass es in Kolumbien nichts außergewöhnliches ist, sich für eine Schönheits-OP unter’s Messer zu legen. Nach dem was ich bisher gesehen habe, halte ich das glücklicherweise aber für ein Gerücht.
18:00 – im Radio ertönt wie jeden Abend zu dieser Stunde die Nationalhymne. Wir sind noch immer nicht zurück in Bogota. Dafür haben wir die Lagune von Guatavita gesehen, wo einst der Goldrausch von El Dorado die Spanier veranlaßte, einen halben Berg wegzusprengen.
Und wir haben die unterirdische Salzkathedrale von Zipaguira bestaunt. Eigentlich stehe ich nicht sonderlich auf Kirchen, aber solch gewaltige Außmaße dürfen durchaus bestaunt werden.