Am Abend vor der tödlichen Schlacht schaut Don Blas de Lezo ein letztes Mal aufs Meer. 186 englische Kriegsschiffe mit 25000 Soldaten bilden eine bedrohliche Kulisse vor den Mauern von Cartagena. Wir schreiben das Jahr 1741. Die Englische Übermacht ist so siegessicher, dass Admiral Edward Vermont Münzen prägen ließ, die Don Blas de Lezo kniend vor ihm zeigen – geschlagen und um Gnade flehend. Die Spanische Obrigkeit hat ihm, dem Mediohombre, dem halben Mann, das Komando über die verbliebenen 3000 schlecht ausgerüsteten spanischen Soldaten übertragen. Frühere Kämpfe kosteten ihm bereits ein Auge, einen Arm und ein Bein. Es soll seine letzte große Schlacht werden, in deren Folge er auch sein zweites Bein und wenig später sein Leben verliert.
Das tragische Ende von Bras de Lezo ist zugleich der Höhepunkt der kunstvollen Verteidigung von Cartagena gegen die Piraten der Karibik. Als Umschlagsplatz für die Schätze der spanischen Kolonien in Südamerika, geriet Cartagena schon früh in das Blickfeld konkurierender Nationen und der Piraten. Doch von der Schmach der Niederlage haben sich die Engländer lange nicht erholt. Zugleich hat der Sieg der Spanier ihre Vormachtsstellung in Südamerika zementiert.
Das ist der Stoff aus dem Abenteuerromane gemacht sind und das ist Teil der vielfältigen Geschichte Cartagenas wo wir die letzten Tage unserer Reise verbringen. Beklemmend sind die dunklen, niedrigen Gänge der Festung, in denen die großen englischen Soldaten in ihren sicheren Tod liefen und groß sind die Kanonen, die diese Stadt verteidigt haben.
Eine kurze Rückblende. Vor zwei Tagen haben wir den Dschungel mit all seinen Gefahren heldenhaft hinter uns gelassen. Den Kaiman erwähnte ich schon, aber die Tarantel in und den Pfeilgiftfrosch vor unserer Hütte möchte ich nicht unterschlagen. Tony meint jedoch, die gefährlichste Situation auf dieser Reise war sicherlich, als ich in einem Moment der Unachtsamkeit beinahe von einem Felsen gerutscht bin. Er hat wahrscheinlich Recht. Wo ich gerade von Gefahren schreibe: Auch die Angst vor Übergriffen irgendwelcher Rebellen verschwindet völlig nach ein paar Reisetagen. Keine auch nur ansatzweise Bedrohung war zu spüren. Die Menschen im Land sind angenehm zurückhaltend und freundlich. Die Polizei und das Militär sind effizient, aufmerksam und höflich und beim Volk hoch angesehen. Korruption ist auf dem Rückzug. Der Dieb eines Handys wurde nach drei Minuten von der Polizei dingfest gemacht. Mein Bild von Kolumbien hat sich verändert.
Aber es gibt sie natürlich auch hier, die Slums. In allen großen Städten, mit allen ihren Problemen. Auf dem Weg nach Cartagena machen wir in Barranquilla Halt, einer Industriestadt an der Karibikküste. Hier ist Tony zuhause und hier treffen wir seine hübsche Frau Nathalia. Die beiden sind Mitbegründer der Hamburger Organisation Sonne für Dich e.V., die die Lebensbedingungen und Chancen von Kindern in Lateinamerika und insbesondere in Kolumbien verbessern möchte. Gemeinsam besuchen wir Cecilia und ihre beiden kleinen Söhne in einem nahegelegenen Slum. Ihr Mann ist arbeiten, ist wahrscheinlich einer der vielen fliegenden Händler auf Barranquillas Straßen. Das Einkommen reicht zum Überleben, die Lebensbedingungen sind äußerst bescheiden. In Zusammenarbeit mit der südamerikanischen Organisation “Un techo para mi pais” (Ein Dach für mein Land) hat die Familie gerade ein neues kleines Holzhaus bekommen. Eines auf Stelzen, denn die sintflutartigen Regenfälle überschwämmen das Viertel und auch ihre alte Behausung regelmäßig. Das nächste Ziel ist, dass Cecilias Familie durch viele kleine Einzelmaßnahmen in den nächsten Jahren soweit unterstützt und geschult wird, dass sie aus eigener Kraft in ein noch besseres Haus und eine bessere Gegend ziehen kann. Denn es gibt z.B. viele staatliche Hilfen, die den wenigsten hier bekannt sind oder deren bürokratische Hürden viele mit einfacher Bildung abschrecken.
Wir sind beeindruck mit welcher Herzlichkeit wir willkommen geheißen werden. Die Kinder der Nachbarschaft sind auch dabei – alle hübsch, gepflegt und gut erzogen. Ich hoffe auf eine gute Zukunft und eine faire Chance für sie alle. Später werde ich mir die Seite des Vereins nocheinmal genauer anschauen.
Schließlich sind wir in Cartagena angekommen, mit seiner wunderschönen Altstadt und gewaltigen Festung. Am nächsten Abend überrascht Tony schon wieder! Zum Abschied genießen wir über den Dächern der Stadt einen Cocktail in einer Adresse, die den meisten unbekannt sein dürfte. Seine Kontakte machen es möglich, dass wir die Einrichtungen eines Luxushotels nutzen dürfen. Beeindruckend schön!
Die Sonne ist untergegangen und wir beschließen, einen kleinen Hunger mit einem Cocktail de Camarones zu stillen, einem Schrimpcocktail, am Straßenrand zubereitet und serviert – natürlich bei der besten Straßengarküche der Stadt! Dort hängt ein kleiner Fernseher am Dach, es läuft Chepe Fortuna, Tonys Lieblings-Telenovella. Wir sind nicht die einzigen die zuschauen. Die Köchin steht mit offenem Mund davor, auf dem Platz haben sich noch bestimmt zehn weitere Gäste und Passanten auf Plastikstühlen hinzugesellt. Wie immer geht es um Reich und Arm, um erfüllte und enttäuschte Liebe, um Glück und Unglück. Das gemeinsame Lachen und Mitfiebern macht uns zu Verbündeten. Wir lassen den letzten gemeinsamen Abend hier ausklingen. Bald schon heißt es wieder Abschied nehmen.